Beyond Porn oder Die digitale sexuelle Revolution

Culture
Mittwoch, 7. Mai 2014 -
13:45 bis 14:45
stage 4
Beginner
Deutsch
Vortrag

Kurzthese: 

Sexualität im Internet ist mehr als kurze - bis zur Abmahnung - kostenlose Clips auf RedTube. Anders als vielfach in den Medien verbreitet, sind Seiten mit sexuellem Inhalt nicht das Ende der Zivilisation, sondern bieten vielmehr die Möglichkeit einer sexuellen Revolution 2.0.

Beschreibung: 

Anhand von vier Aspekten möchte ich in meinem Vortrag herausarbeiten, wie sich die Produktion sowie Rezeption von und die Diskussion über Sexualität durch das Internet in den letzten Jahren verändert haben. Diese Entwicklungen haben das Potenzial für eine digitale sexuelle Revolution.

Pornografie

Pornografie hat die Entwicklung des Internets - schneller Download, knickknack - beeinflusst. Gleichzeitig hat das Internet auch massiv die Produktions- und Vertriebswege der Pornografie-Produzenten verändert. Dies führte nicht nur zu neuen Pornogeschäftsmodellen, sondern auch dazu, dass Pornostars zum Beispiel durch Twitter und eigene Blogs zunehmend Teil der Mainstreamkultur werden konnten und nun teilweise den Status von Popstars innehaben. Durch die Möglichkeit eines globalen Marketings und weltweiter Distribution finden zudem auch Independent- und Nischen-Produktionen ihr Publikum.

Metasexualität

Wenn Pornostars auch abseits einer Jeff-Koons-Skulptur Teil des kulturellen Diskurses und sexuelle Themen online offener besprochen werden, dann entsteht eine Art Metasexualität. Pornofilme werden wie Kinofilme rezensiert, Blogs spezialisieren sich auf das Testen von Sexspielzeug, Blogger, Interessierte und Menschen mit sexuellem Arbeitshintergrund treffen sich zu Konferenzen oder Preisverleihungen, von denen wiederum online berichtet wird. Sex-Arbeiter sowie Konsumenten emanzipieren sich und verlassen die gesellschaftliche Schmuddelecke.

Beratung

Die Vorteile einer neuen Metasexualität liegen auf der Hand. Während man in seiner Jugend noch auf das Dr. Sommer Team vertrauen kann, ist Beratung bei Fragen zur Sexualität im Erwachsenenalter überraschend rar. Frauenzeitschriften, Männer- und Lifestylemagazine sind gefangen in Klischee-Welten und gänzlich ungeeignet. Ratgeber wiederum oft monothematisch und wer will schon vor dem Koitus 100 Seiten lesen? In Blogs, auf YouTube-Kanälen, in Foren und Podcasts findet man deutlich mehr Vielfalt und authentische Information. Hinzu kommt der Aspekt der Partizipation, beispielsweise durch die Möglichkeit, direkt und gegebenenfalls anonym Fragen zu stellen, an Diskussionen teilzunehmen und vor allem auch persönliche Erfahrungen aufzuarbeiten oder zu reflektieren. In diesem Umfang ist dies zuvor nicht möglich gewesen.

Erweiterung

Gesellschaftlich betrachtet wird vor allem Männern ein Interesse an sexuellen Inhalten, Themen und Bildern zugeschrieben. Die Tatsache, dass ein besonders großer Anteil des Online-Contents aber von Frauen stammt, zeigt wie überholt diese Wahrnehmung ist. Ein Beispiel dafür ist die Erfolgsgeschichte von "50 Shades of Grey". Bemerkenswert dabei nicht nur, dass die Trilogie aus einer online publizierten Fanfiction entstand, sondern der enorme Erfolg bei Frauen. Sie waren in der Ökonomie der Sexualität lange nur Randfiguren. Filme und Bilder wurden vor allem für Männer produziert. Spätestens seit "50 Shades of Grey" ist aber klar, dass Frauen durchaus ein interessiertes (und zahlungswilliges) Publikum für entsprechende Filme, Bücher und Produkte sind. Hier hilft zudem die Diskretion des Onlineversands, denn nach wie vor ist es eher unüblich, dass Frauen offen über den Konsum von Pornos oder Sexspielzeug sprechen.

Fazit

Die wenigen Beispiele zeigen bereits, welche Veränderungen es in der Produktion und Rezeption von sexuellen Inhalten in den letzten Jahren gegeben hat. Antrieb und Motor waren hier stets die Möglichkeiten, die das Internet bot. Sie zeigen zudem, dass wir langsam beginnen, offen über Sexualität zu sprechen, uns besser zu informieren, verschiedenen sexuelle Facetten und "Lifestyles" zu tolerieren, unsere Sexualität für uns zurückfordern und sie nicht gesellschaftlichen Annahmen zu unterwerfen.

Kurz: Wir sind auf dem Weg einer digitalen sexuellen Revolution.

Videoaufzeichnung: 

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